Freitag, 21. November 2008

Nichts als Vertrauen

Leg dich zurück lehn dich an komm her bleib hier
rolle dich ein zieh dich zurück lasse dein Laub ruhig sterben
mein Schoß ist dein, dort kannst du wurzeln und sein,
aufgehn, in Tränen auflösen, dich von der Seele reden,
lehnen und leihen, nehmen, nichts geben als Vertrauen

gib dich mir hin, fall
ich will dich fangen.


21. November 2008

Freitag, 17. Oktober 2008

Stromabwärts

Ein breiter Strom
durch felsiges Land:
Ruhige Seen stauen die Klippen auf
wo die Berge fallen stürzt auch das Wasser

ich sehe weit von hier
alle Fälle die hinter mir rauschen haben mich geprüft
auf alle Fälle die kommen komme ich zu im unbestechlichen Sog
der gepeitschten Wellen und tiefen Ströme

und ich schwimme stromabwärts!


10. Oktober 2008

Noch hängt dein Schwert

Eine Damokleskette:
Am nächsten Freitag hängt mein Leben
woran hängt er selbst
woran hängen alle andern Tage
woran hängen alle Stäbe die noch aushalten
zwischen den unsichtbaren starken Händen
die so desinteressiert auswählen
zwischen uns Anwärtern auf Leben und Tod

woran hängt der nächste Tag und alle Tage
und wer kennt mein Schicksal.


* * *


Kein Gott kein Orakel
kein Arzt keine Liebe
kein Fleiß, nichts was ich tue
nichts
verurteilt mich

nur mein Leib stellt fest
wie weit der Abgrund ist
und im Fallen auch ich
und nichts entscheidet
wie tief

Sonntag, 14. September 2008

Warten auf die Rückkehr der Utopie

Mein Hirn
das mich auf allen diesen Reisen begleiten muss,
hat sich die Stimmen gedämpft
die Lichter gedimmt

um Gefahren und Schmerzen
sorgt es sich nicht:
Der Tag ist ihm wichtiger

Gedichte
gibt es mir nicht:
Die Ruhe hat Vorrang


Bald kommen sie wieder
mit den Bildern von Schläuchen und unschuldigen Beuteln voll Gift, und Masken, die mich zur Bestrahlung festschnallen, und Erbrechen und tagelang nichts essen, nichts trinken, nicht schlafen, nur warten bis alles wieder vorbeigeht, und dann Leben bis zum nächsten Schlag den ich einstecken muss
die Bilder, die jetzt immer häufiger kommen
die wiederkäut werden müssen bis sie verdaubar sind
bis der Hunger der Bilder gestillt
und mein täglich Brot wieder dem vorigen gleicht
bis das süsse Vertrauen
dass ich bis immer so essen kann
mein verunsichertes Hirn
wieder einnimmt.


Gardonne, 8. September 2008

Donnerstag, 24. Juli 2008

Abbrennen

Meine zwei Freunde brechen auf
ich bleibe noch sitzen, müde

die letzten Kebabreste
die erste richtig warme Sonne
viele Menschen im Kaffee und auf der Strasse: Es ist Samstag ende April!

Eigentlich bin ich gut gelaunt

Das Portal von St. Pierre zieht mich an
in den Schatten treten; kühle Stille.
Nur eine Frau
die die Blumen in den Vasen zurechtrückt
ich setze mich
in den bunten Fenstern Geschichten:

Maria mit dem Kind
zwölf Männer mit Ihm;
ein Sklave windet sich.

Meine müden Beine zieht es zu den Kerzen

ich nehme eine Mittelgrosse
- lange brennen, aber nichts übertreiben!
trage sie in beiden Händen, sie
die plötzlich so viel bedeutet, die ich aus Wachs
zum Symbol formte als ich sie sah

kurz innehalten
die Gefühle ganz aufsaugen

dann den Docht in andere Flammen halten, sehen
wie das Feuer der anderen Bittsteller
übergreift

sie brennt ruhig, kein Flackern
das beruhigt mich, als läse ich in einer Hand
dass mich nichts überraschen wird:
Mein Krebs wird abbrennen
und am Ende seines Wachses
(vom allumfangenden Sauerstoff verfolgt)
erschöpft erlöschen
nur einen schwarzen Docht zurücklassen der allein nicht LEBENSfähig ist

diese Chemo aus Sauerstoff
für diesen wächsernen Krebs
wird nicht flackern
wird ruhig seinem Ende zubrennen
- schon im Kalender notiert, und ich werde nichts, nichts radieren!

dies Symbol geht mir durch alles
ich knie sogar
auf dem Schemel vor den Kerzen, den Bildern,
die ich nicht kenne

ich der ich nicht glaube
habe tatsächlich
sozusagen gebetet
die Menschen die eintraten nicht bemerkt

und mein Krebs bleibt in dieser Kirche zurück
abbrennend

ich trete hinaus!
Auf meinen müden Beinen.


27. April 2008

Sonntag, 20. Juli 2008

Das Knüpfen der Netze der liebenden Nornen

Wo alle Fäden zusammenlaufen
das, was
unbedingt, allem!
widerstehen muss:

Geduld.

Sie hat eine Säule
die heißt Hoffnung
und ein stoischer Atlas
stützt.


Wenn du nicht aufgeben kannst
halte aus und hoffe.

Bist du ein Glücklicher
so spinnen dir Liebende das Garn
aus dem du Netze knüpfst
die dich tragen.


20. Juli 2008

Gras essen

Ich bin eine Katze
die sich andauernd das Fell säubern muss
das Haarknäuel quillt beständig, das Schlucken kämpft an -
ich muss Gras essen
viel Gras essen
der Knäuel muss raus
der klagende Magen muss
endlich
schweigen


12. Juni 2008

Bleiben

Wenn es eine Straße gibt, musst du sie abgehen
(dem Ziel entgegen)
( - - vielen ist es noch schwierig
ein Ziel zu haben - - )
Wenn es ein Waldweg ist, musst du langsamer tun
(und den Wald genießen)
Wenn kein Weg mehr sichtbar ist, musst du dich umschauen
durch das hohe Gras in die richtige Richtung gehen
(manchmal weist sie dir die liebende Welt
manchmal musst du sie geduldig suchen)
vorsichtig, um nicht in den Eingängen der Tierwohnungen zu stolpern
Durch Seen, Bäche und Flüsse muss man schwimmen,
das über Wasser bleiben und das andere Ufer fest im Blick
Tun sich tiefe, steile Abgründe auf, muss man sie durchklettern oder umgehen:
Keine Schlucht ist unendlich.

Wenn aber jede Richtung versperrt
der Horizont ein enger Ring Fels ist
dann musst du dich weich machen
und einer Flüssigkeit gleich durch die Risse gleiten
und fast zerreißen und dich nicht in der Erde verlieren
und in einem freundlicheren Horizont wieder zusammenfinden

Und keine Angst haben, dich doch zu verlieren
denn der Schmerz vergeht
und die Sehnsucht und das Verlangen, noch unzählbare Tage
im Kreis der Lieben zu verbringen
und die Schönheit einer Wiese
und der Wind in den Bäumen

bleiben, bleiben

nur deine Rolle im Spiel wird anders:
du schaust nicht mehr
du löst dich auf in Wiese und Wind
du wirst ein Baum
du gehst und bleibst
und der Schmerz vergeht mit dir
und die Liebe zu Bäumen

bleibt.


12. Juni 2008

Deine schwarze Treue

Für Hilde Domin

Wie auch immer sonnig deine Tage sind
die Erinnerung, ein bunter Baum,
treibt dir auch schwarze Blüten:
So bleibst du deinen Toten treu

vielleicht liebst du diese Treue
sicher ist, sie ist euch ein Zwang

nicht einmal ein Stachel im Fleisch, nichts Fremdes:
Die eigenen Wurzeln und Äste, dein eigenstes Ich -
viele Knospen, nötig und hoffnungsvoll
wurden dir ausgerissen, für immer verweigert.


15. Mai 2008

Cimetiere du Pere-Lachaise

I

In einem Teller auf deinem Grabstein eine Birne
vertropftes Wachs und ein Bild
du, etwas widerwillig
vor einem Canyon
deiner mandelförmigen Heimat.


II

Chopins Grab ist ganz charmelos, trotz der Blumen
Die grosse Buche, du hast sie schwarzweiss fotografiert
Das mittelalterliche Liebespärchen, das ein eigenes Mausoleum bekam
Die alten Herren, die einen wackligen
Spaziergang auf den gepflasterten Wegen unternehmen

Der graue Himmel
Die vielen Grabplatten, die eingestürzt sind und den Blick in die Tiefe von Gräbern freigeben


23. Februar 2008

Cette dame dans le métro

J'ai vu cette dame
dans le métro hier soir

Die Einsamkeit
wiederholt sich hier:
Die Menschen sehen und nie wiedersehen
und sie dann wiedersehen und nie wiedersehen
und niemals mit ihnen sprechen werden.


In der Metro in Paris.

23. Februar 2008

Sonntag, 13. Juli 2008

Die Chemo ist fertig.
Letzten Freitag die letzte, Samstag wegen nicht enden wollenden Brechens zurück ins Krankenhaus, die Antiemetica (= Zeug gegen Kotzen) intravenös... Sehr unangenehm, ein Vorgeschmack auf eine "richtige" Chemo. Sollte mich ein Rückfall erwischen (in 5 Jahren 5%), teilw. Hochdosistherapie. Kein Spass.

Unendliche Erleichterung, weil die Chemo vorbei ist.

Die Aussicht, bei der Bestrahlung im August Teile der Lunge verschmort zu bekommen. 15-20 % verhärten dann, incl. (evtl. subsymptomatischer) kleiner Lungenentzündung. Olympia ade...
Ausserdem wandern die Blutstammzellen aus dem Rückenmark (liegt bis zum Zwerchfell im Bestrahlungsfeld) und Brustbein in die Röhrenknochen von Armen und Beinen, das gibt dann nochmal wie Wachstumsschmerzen. Raffinierte Dinger.
Da Mund und Speiseröhre AUCH im Feld liegen: Schluckbeschwerden, trockener Mund (die Speicheldrüsen werden gegrillt), und ein ausgeklügeltes Mundhygieneprogramm damit die Schleimhaut nicht offene Wunden entwickelt, und die Zähne nicht bröckeln. Die Weisheitszähne müssen außerdem vorher (morgen) raus, vorsichtshalber, weil man während der Therapie nicht operieren könnte - zu schlechte Wundheilung.
Bis dahin schlurfende Schritte und Erschöpfung vom Sitzen.
Halleluja.

Aber das Leben ist schön: Keine Übelkeit mehr, normal essen, Zeit zum Lesen, und bald kommt meine Freundin wieder.
Ist schon alles ganz Ok.
Und ich überlebe ja.

Samstag, 28. Juni 2008


Das Gesicht Buddhas, handgeschnitzt, bemalt, mich zu beschützen
Das klappt wohl..

Donnerstag, 12. Juni 2008

Buche

Du bist ein lebendiges Buch
schlank und schön
vielseitig, kompliziert
schwer und reichhaltig
leicht, licht und atmend
voll Liedern und Dichtung
von Wissen und geheimen Hinweisen berstend
du enthältst alle Kapitel
ich will dich lange lesen.


12. Juni 2008

Mittwoch, 11. Juni 2008

Post Chemo Nebel

I

In meinem Buch leidet der Held
sucht physisches Überleben
sein Schmerz
meine Schmerzlosigkeit
tut mir fast gut


II

Die Übelkeit klang ab
in süße Passivität
- als wäre die Welt ein stiller See der mich nährt:
Ohne einen Finger zu rühren
- und die Welt rast draußen weiter, doch ich sprang ab:
Wenn ich mich aus diesem See erhebe
bleibt zum Aufspringen noch Zeit

Sonntag, 8. Juni 2008

Vor der Biopsie

Und immer relativiert: Es gibt ja ein Heilmittel
anstrengend und lang zwar, aber
ein Heilmittel

meine Angst
ist ganz verwirrt davon
bricht manchmal hervor in einer Träne
und dann weiß auch mein Kopf nicht mehr
worüber ich weine.


13. März 2008

Dienstag, 27. Mai 2008

Geburtsurkunden

Papi
Red Fish
Petit loup

zouzou
loulou

mon cher

das alles
bin jetzt ich


23. Februar 2008

Sonntag, 25. Mai 2008

Aufzählung meiner Kenntnis deiner, und Abschied

In der Sechsten
nahm ich dich zum ersten Mal richtig wahr
weil du vor mir saßt

mit Fünfzehn hast du dir die Arme geritzt
einen Brief an dich selbst geschrieben
und ihn in der Sportumkleide liegen lassen

(da war große Aufregung um dich,
und ich dachte häufig, heute kommt sie nicht mehr zur Schule)

du fuhrst immer eineinhalb Stunden mit dem Bus nach Hause
dort war dein Klavier, das du vier Stunden täglich bespieltest
schön, aber mit wenig Talent, wie jemand sagt

(einmal spieltest du die Nocturnes
und ich lag auf einer Bank und genoss es sehr)

ein paar Mal habe ich dich in meiner kleinen Straße gesehen
allein, rauchend auf einer Bank den Ausblick geniessend
du sagtest mir nicht, wen du dort kanntest.


Jetzt steht dein Name auf einer Anzeige in der Zeitung:
Das letzte, was die Welt von dir hört
hört sie nicht durch menschliche Lippen.

Ruh du in Frieden
die du es so schwer gehabt
zu haben scheinst.


Meine Klassenkameradin während 12 Jahren, Rebecca B., hat sich umgebracht.

25. Mai 2008

Mittwoch, 21. Mai 2008

Meine Gedichte

Meine Gedichte, deren Gliedmassen
viel zu häufig fehlen,

denen oft auch der Silbertropfen fehlt,
das, was sie zum Gedicht macht
(neben den Absätzen),

meine Gedichte,
meine ältesten und reifsten Kinder.


21. Mai 2008

Montag, 19. Mai 2008

Versuchung

Ihr vorsichtigen Träumer
die ihr immer erden wollt

lehnt euch doch auch wieder zu weit aus dem Fenster
im Vertrauen
dass die Luft trägt

wir haben doch alle die Kraft
nach einem Sturz unsere Knochen zusammenzusuchen
und aufzustehen

Wenn man jung ist
alle Wege offen, und noch kein einziger sicher
braucht man den Mut, die Versuche zu wagen
und der Versuchung aller Chancen zu folgen.


Sänger werden. Dichter werden. In ein fremdes Land gehen. Die Umwege umarmen und lehrreich aufnehmen.

4. Mai 2008

Dem Frieren ein Ende setzen

I

Aufhören
durch den dunklen wilden kalten Wald zu irren

Äste sammeln, Blätter häufen,
junge Laubbäume hinabbiegen

sich einen Unterschlupf bauen
vielleicht kein Haus

aber mit dem, was die Hand erreichen kann
dem Frieren ein Ende setzen.

Aufhören zu irren
einen verlorenen Weg nicht hoffnungslos suchen
sich die Wildnis
zu eigen machen.



II

Was aber ist
wenn die Hand greift
aber immer abrutscht
und die Äste zu weit sind?

Dann heisst es irren,
nicht aufgeben.


15. Mai 2008

Aber sie kam nicht

Vielleicht wäre ein Bö stark genug gewesen
dich zu brechen

aber sie kam nicht.


Die die kamen überstandst du
du Schöne, knorrig und alt
und frisch wie eine griechische Pinie
flach dem Meerwind entgegenwachsend.


Für Hilde Domin

15. Mai 2008

Das neue Wir

Mein Kopf in deinem Schoß

du betrachtest die Landschaft
dein Gesicht schwebt
in meinem Augenwinkel
an der Brille vorbei, verschwommen,
und dein Daumen streichelt
hell und warm
meine Schläfe


20. Februar 2008

Montag, 5. Mai 2008

Eine Freundin wäre fast vor die Tram gelaufen
im letzten Moment riss eine rettende Hand sie zurück

da muss ich fast lachen über die Krankheit
wo der Tod doch so alltäglich,
umfassend möglich,
und ganz untheatralisch ist.

Sonntag, 6. April 2008

Geborgenheitsfuge

Für SB


Du erklärtest mir
warum ich ins Krankenhaus muss

was
krank sein kann

du warsts
die den Sturm in mein Herz streute

bei dir
legt er sich;
in deiner Hand
kommt sogar Schlaf


- Morgennebel im Kopf
ich verlasse dein Haus
ein lauer Wind

die erste Vorlesung ist aus
Ein Schritt weniger ins Krankenhaus!
der Sturm nimmt mich mit

zurück nach Hause:
die Räume in denen du wohnst
die dich ein und aus atmen
beruhigen mich fast schon wie du.


Im Krankenhaus
bist du weit weg
ich denke an dich
und kann trotz all dem einschlafen


Bevor die Anästhesie
meine Adern einnimmt
denk ich an dich
- an deine Umarmung,
die Wärme die du bist,
dein Gesicht deine Augen
- eine hellbraune Krone in blau, strahlend!
und so klar wie Kristall, aber lebendig!
- - bis mir schwummrig wird
und ein Arzt meinen Kopf leerfegt.


13. März 2008

Dienstag, 25. März 2008

Seither

13. März - der Tag
der mir ein klein wenig Gewebe stahl
und eine Narbe am Hals einbrachte

der die Welt umdrehte

der der Welt
einen Mantel umlegte
der nicht abstreifbar ist
aber schwer

der die Welt vor dem Mantel
leicht erscheinen lässt und sorglos

nachdem ich aufwachte, an diesem Tag
nach der Narkose: Da ist begann eine Wahrheit
in meinen Kopf einzusickern

und die Welt und der Mantel
sind seither so

und meine Autonomie
meine Selbstbestimmung
sind seither weicher

die Tränen
kommen bälder

und mit dem abfinden
bin ich schon fertig
habe das Hoffen behalten.


Die Welt
hat sich dem Mantel
angeschmiegt

und die neue Welt
ist doch erst
ein dutzend Tage alt.

Samstag, 8. März 2008

Hundert Sonnenhungrige



In der Sonne, parallel,
wie voller Kirschen,

als hätten sich hundert Sonnenhungrige
gemeinsam aufgeknüpft

oder
als wüchsen der Sonne Füße
die ihr die Hasel verteilen sollen

der Wind
wird weit für sie laufen


Ein Foto von Severine

18. Februar 2008

Samstag, 16. Februar 2008

Dreibeiner

Alles schaffen
alles
wenn es nur gemeinsam ist.

Das ist die einzige Stütze
die uns unsere zwei Beine nicht sind.

Ohne sie fallen wir ewig
und schlagen endgültig auf.


2. Dezember 2007

Homo homini lupus est

Wenn ich nur die Autogramme
von Hobbes und Waltz
Morgenthau und Clausewitz
auf dem Nie wieder Krieg-Plakat
über mein Bett hängen könnte
wäre meine tiefe Beunruhigung
mit meiner Hoffnung versöhnt.


25. November 2007
Wenn dem Leben
ein Spund gezogen wird

(wir bestehen aus ihnen
vertrauen
auf ihr Bleiben)

und das Spundloch
groß genug

scheint alle Sicherheit abzulaufen
und das kleinste Schiff
in der letzten Badewanne
sinkt auf den trocknenden Grund.


Wäre nur
kein Spund vonnöten,
hätten wir nur die Dinge
die das Leben einhauchen
sicher.


V. Hu.'s Freundin hat ihn verlassen.

12. Oktober 2007

Phlegma

Lichtfischende Kutter:
Darwin selektiert
phlegmatische Fische

Überlebenstraining
fürs mediengeflutete Jahrhundert.


Wenn der Kutter vorbei ist
werden wir Phlegmatiker
im Schleppnetz gehoben.

Kein Entkommen
dem Fortschritt.


Hellerleuchtete Fischtrawler bei Nacht bei Bilbao. Ziehen sie die Fische mit dem Licht an?

5. November 2007

Kreise von Spreu

Jahrtausenddiaspora:
Wie Spreu fühlt ihr euch,
von eurem Weizen verweht,
weit und dauerhaft.

Um dennoch zu keimen
hiess es zusammenhalten
die Sprachen die Ehen
das Leben war in euren Kreisen gelenkt.

Das macht euch nicht schuldig
für die Angriffe derer
die die Kreise nicht teilten
und dafür Kreuze malten gegen euch.

Es macht euch nur angreifbar.
Was die 60 Jahre Gastarbeiter
gegen ihre Haut bewirkte
gärt gegen eure viel länger.

Nach einem Angriff dürft ihr ruhn
bis im Zufall
wieder der schlimmstmögliche Tag
auf Ausbruch wartet

so lange wieder wartet
bis keine Verwundbarkeit mehr bleibt.



9. Oktober 2007

Mit Türen gepflastert

"Ich glaube
ich schaffe die Schule"

Dein krankes Herz
fasst eine Prise Mut.

Du sagst dein Wochenende
liegt noch leer vor dir
keine Erfüllung wartet auf dich

sie beginnt erst zu warten
wenn du die Mühle
mit Herzblut in Schwung brachtest.

Das weißt du. Du weißt viel
doch dein Herz
dein Herz ists
das nicht glauben kann.

Dass Sicherheit dein ist
wenn du sie erkennst
dass der Schatten der Nacht und der im Herz
leer ist und bar der Gefahren.

Du weißt. Vor allem
dass dein Weg liegt
und gegen allen Willen
nicht vom Kurs weicht

dass der gewundene Weg
jeden Tag
aufgestoßen werden muss
als sei er mit Türen gepflastert.


Vielleicht liegt eines Tages dein Weg
in einem Tal das an Türen spart;
in dem ein Torbogen Einladungen spricht
nicht aufhalten will.


Für VZ am 14. September 2007

Margueritte La'ama

Gelegentliche Besuche
arabisches Palaver
wie war es früher

(dort die Kirche, dies Haus und dieses
nein nein, die Straße ganz neu)

alte Fotos, Erinnerungen
schon etwas vergilbt
(unschärfer und halb gegoldet)

Du lädst mich ein, zwingst mich fast
zu Gebäck aus Feige und Nüssen
die du nie essen darfst
Fencheltee
aus deiner alten Welt
die mir gut schmeckt

auf der hundertjährigen Terasse
(am Wein und am Feigenbaum)
radebrechen wir
ich frage, du erzählst mir

die Sonne schon fast in Jordanien
der Tag wird still

kühl wirds für dich
ich sage auf bald
die Freude in deinen Augen über Besuch
geleitet mich zum Gartentor
dein Geh mit Gott
die alten Stufen hinauf.


Ob du wohl noch lebst
im fernen Bethlehem?


18. August 2007

Kein Sinn zu stossen

Ein Dorf
seine alten Gassen
die Heim sind
so sicher und fest
wie die Regeln gefestigt

ein Machtwort
immer aus dem Mund des Mannes
das Kopftuch und die Kinder
immer zuhaus

ist das schlechter
als die Freiheit?

Kann man die Sicherheit
die Straße vor sich - steinig wie sie ist -
liegen zu sehen
in eine Wagschale legen gegen die Freiheit und Lust
und Unkenntnis
die am Horizont beginnt?


Kein Sinn darin
alte Gesetze zu brechen
wenn das farbige Neue
allein in der Welt steht.

Bunte Traditionen
müssen wachsen.
Graues wird vom Umstossen
nicht farbig.

Und wie einem Kind
ist strenge Erziehung
ein Tausch für die Freiheit
der manchmal gut ist.


31. Juli 2007

In meiner Haustür

In meiner Haustür
nach einem Rückzugsgefecht
Gedicht
dort stehst du.

Bei dir kann ich allein
und nicht einsam sein

auf dich
gehe ich zu

du
stößt mich nicht zurück.

Du bist kein Mensch
ich kenne oft
deine Gedanken.

Wie oft
sind mir Menschen
ein Rückzugsgefecht.

In meiner Haustür
ich weiß es
dort stehst

du.


27. Juli 2007

Festhalten

Das Leben verdichten
wenn es manchmal
zu leer scheint.

Worte sind mir
ein mächtiger Strohhalm.


21. Juli 2007

Die Kunst der kleinen Schritte

Auf Siebenmeilenstiefel
sprang ich auf

sie springen von Stadt zu Stadt
von Kopf zu Geschichten

weit, sehr weit
trugen sie mich

(weit, weiter
als je die Schwingen der Stahlvögel).

Bilderstrudel an Bord
als wäre die Welt
ein enger Trichter.

Zuhaus (in Deutschland)
ist der Strom ruhig; breit und untief.
Jemand erzählt
der Wohnheimantrag in Santiago fürs Semester
abgelehnt.

Das ist nicht
sieben Meilen entfernt.
Das breite, flache Leben
scheint langsam
aus der Warte der harten
Schnürung der Stiefel.

Die Kunst der kleinen Schritte
ruht im Takt
der Schnürung;
wie eng
man den Trichter wählt.


18. Juli 2007

Hydraulik (anarchisch)

Ein Streit
eine Frontlinie

ein Volk
ein zweites

zwei Flüssigkeiten.
Wasser
ein zweites.

Der Schwerkraft folgen!
(sie speist wie der tiefste Brunnen)

Wer hält die tiefste Stelle im Flussbett?
Kein Plan, kein Gedanke -
ein Drang
von purer Kraft

Front
ein hydraulischer Krieg

ohne Ablauf
überlaufen.

Meistens mischen sich
die Wasser kaum.

Nur Kraft
an Kraft

die vorrücken zurückweichen
wie Waagbalken schwingen

bis im Gleichgewicht die Kräfte
ihre Stellungen einhalten.


2. Juli 2007

Als wäre es Lehm

Ein Stein
genau im Bauch zentriert.

Eine Säure bräucht ich dafür

vielleicht
sollt sie aus Zucker sein
(oder Clobazam)

sie muss so groß
wie der Mantel um die Schultern sein

wie die Straßen umher.


Nein! Nichts brauch ich!

Als Straßen umher
Seelenverwandte
die den Stein zerflocken als wäre es Lehm

keine Säure
selbst aus Zucker nicht

nur
zerflockende
Hände

die richtigen Mäntel
die nicht wissen
wie sehr sie mich trösten.


2. Juli 2007

IC Göttingen-Konstanz

An jeder Kurve
kippt die Welt

ein Lautsprecher rauscht

ein Mitreisender plauscht
übers Wetter mit Fremden

jemand
spricht kein Deutsch
auf Englisch den Platz finden helfen.


Blechschindeln decken das Haus
hinter jeder Tür eine andere Stadt

hinter jedem Gesicht
eine eigne Erzählung.


Die Landschaft wechselt sich ab,
Schlaf, ein Gespräch.

Die Zeit
steht oder fließt.


24. Juni 2007

Ists weg

Spinnrige Finger aus Licht durch den Himmel
die Wolken schütten im Sturm
der Teer ist warm, die Straße dampft
ich fahre heim, mich friert.

Nichts könnte ferner sein als du.
Du stehst neben mir.

Dein Gesicht deine Haut
dein Haar dein Lachen dein Duft
sind mir gleichgültig.
Dein Blick fehlt.

Wir sprachen; dein Blick
war wieder hier.
Ich dachte
er bleibt.

Ein schmaler Ast brach vom Baum
mein Vorderrad glitt aus
dachte noch Fuß auf die Erde
aber das Vorderrad
ists weg
wars das.


20. Juni 2007

This is where I heal my hurts

This is my church
this is where I heal my hurts

versuchen diese Kirche
im Tag zu finden

Wut Angst Liebe
jemandem ausschütten dürfen.

Mit der perfekten
Kirche im Tag

wäre für die Liebe
kein Haus nötig.


Erster Abschnitt: Faithless - God is a DJ
Zweiter Abschnitt + : VT

17. Mai 2007

Perlenohrring

Ist etwas dunkel
eine Handlung
vom Licht nicht bedacht

immer
einen Glanzpunkt setzen
den Atem einhauchen

zaubern
dem Tag
eine Perle beimischen.


5. Mai 2007

Den Schritt

Auf der Stelle treten
als merkte ichs nicht

um nicht hier zu sein
abwesend sein und es hassen

den Schritt nach vorn nicht gehend

den Schritt sehnend

den Schritt verschiebend.


4. Mai 2007

Wie ein Baum so groß

Liebe
die nicht aus dem Moment kommt
die von der Tiefe gespeist
in die Welt gespült wird
egal ob Nacht, Tag, Sturm
oder blühende Bäume

Liebe
die nicht ausgepustet werden kann
wie ein Lebenslicht
oder die Kerze im Fenster

Liebe
tief und weit
wie ein Baum so groß
vielfältig wie die Blätter
die wie jeder gemeinsame Tag
filigran sind
und einzig.


22. April 2007

Parallele Treppen

Das Leben als Treppe, als 77
parallele Treppen
pro Treppe klimmt eine Dimension
- Mein Geist Mein Herz Mein Körper
befehlen eigene Beine.
Ein jedes klimmt das Treppenhaus
in 7meilen; 7 Jahren.

Wie
sieht der Dachstuhl aus?

Wer
lugt mir
übers Geländer entgegen?

Wann werde ich
den harmonischen Gleichschritt erfinden?

Eine jede Treppe ein Himmelreich.


PS: Überall kann ich auch abstürzen
eine Dimension kann liegenbleiben
absterben.


Tod und Jenseits im Dachstuhl. Die Dimensionen eine der vielen Persönlichkeiten von Harry Haller.

16. Januar 2007

Manchmal Firnis

Vom Mindmap
tilg ich die weißen Flecken

Manchmal muss ich
wegkratzen übermalen

Manchmal Firnis

Die Skizze ist schön.
Ein paar der Flecken
kann ich sehn.


16. Januar 2007

Warum dahin

Mir scheints mir grausts
mein Kopf der saust
woher wohin
warum dahin
das weiß ich nicht
mein Kopf er bricht
so scheints

es ist nicht alles meins
was glänzt.


17. November 2006

Scheinen

Ein Schaltpult
wünsch ich mir

an Reglern ziehen
meine Wut damit auflösen

meine Angst damit
dimmen

mein Leben aufleuchten lassen
mit warmen Orangefiltern
gnädig lebenden Grünfiltern
aufrichtig lobenden Blaufiltern.


19. September 2006

Durchschreiten

Tränen und Schmerz
Zweifel, Lügen
Hass und Liebe.
Tag und Neumond.

Durchschreiten
erleben erfahren

in Herz und Verstand
verstehen

dann wegscheiden
auswendig lernen

Bequemlichkeit abwählen
den rechten Weg gehn

(wie Wissen und Gewissen
ihn weisen kann).

Unterrichten
um welche Stunde
die Sonne scheint
wann die Augen sehn

wann
sie blind sind

und wie
das unterscheidbar ist.


30. Juli 2006

Mutterzeit

Die Mutterzeit
liegt hinter mir

nicht immer
war sie mir mütterlich

einmal
wie ein Schoß so groß
wie viele Kissen

einmal
wie ein Schlüssel glänzend
Schlägen und Tränen verschlossen

Die Mutterzeit liegt hinter mir.
Was
ruht hinter ihr?


9 Monate in Bethlehem.

10. Mai 2006

Die blaue Stunde


Jetzt ist sie da
die blaue Stunde

Der Häuser weiß
der Wolken grau
der Menschen Bewegung
im Atemtakt gefärbt
lichtschnell
so lang wie Minuten

Sie singt mir zu
aus den bauschenden Wolken
blütenfarben langsam kochend
am Rande der Berge:

Ewig
bin ich!

und ist fort.


1. April 2006

Augenblick

Die goldene Sonne bricht durch
lacht und wärmt
legt friedvolle Lanzen
durchs Geäst der grünenden Bäume
in die erste Wärme
des neuen Jahres.

Was es braucht
um glücklich zu sein für den Augenblick
das ist ein Augenblick.


März 2005

Traummilch

Nachts
wenn die Straße den Hunden gehört
dann heilt meinen Geist die Milch meiner Träume

ich trinke sie willig, ich weiß
ein jeder Tropfen
ist Spross meiner Brust

in jeder Nacht
muss mein Herz gemolken werden
muss ich nachdenken das Leben der Augen
mit den Augen der Nacht.


18. März 2006

Strauchelnd

Was wir im Albtraum nicht wissen
wir können schreien, den Traum beenden

Es sind immer Türen offen
die führen uns weg vom Grauen

Der Wind streicht die Türen auf
Wurzeln straucheln uns hindurch

Die Welt ist unser. Ein Heim!
Wir straucheln hindurch

fallen gelegentlich

richten uns auf an der Wurzel
von Neuem.


8. Februar 2006

Montag, 4. Februar 2008

Manchmal glaube ich
mein Herz sei tot

ich lese ein Gedicht
und fühle nichts

ich kann mich kaum
ans Verliebtsein erinnern

meine eigenen Gedichte
wollen nicht strömen

manchmal ists als sei
ich eine Hülse
in der mein Geist scheppert und anstößt
weil die dämpfende Emotion
meine Fahnen flüchtet
und mich beständig
nicht einseidet.


Manchmal denke ich das alles
aber glauben
könnt ich es kaum.


28. Januar 2008

Ohne Empfindung

Manchmal möcht ich wie ein Blatt sein am Baum
hin her geweht
benässt und getrocknet

im Frühling geboren,
den Sommer lang grün
ab Herbst tot.

Sein.
Ohne Fragen
ohne Empfindung.


28. Juli 2007

Wie klar wie verschlungen

Ein Dichter
malt das Flussbett.

Wie klar
wie verschlungen
malt er das Wasser?


17. Oktober 2006